Mariupol: Zeugnisse aus der Stadt der Schatten

Pawel Rasta

МАРИУПОЛЬ. Свидетельства города теней, übersetzt aus der englischen Fassung Mariupol: Testimonies of the City of Shadows

Von Pawel Rasta hatte ich schon 2014 eine Reportage eingedeutscht, die mich sehr beeindruckt hatte; sie steht jetzt wieder hier unter Donezk: Hölle aus geschmolzenem Blei.

„So oft du ihn siehst –

so oft töte ihn.“(c)

Wisst ihr, was Hass ist? Wirklich, Tief. Unbegrenzt. Das, was in einer schlammigen Woge schwarz-grauer Asche aus den Tiefen der Seele steigt und das Bewusstsein flutet. Überflutet. Euch ganz ohne Ausnahme verschlingt. Und ihr vergesst alles: Gottes Gebote, was eure Mutter euch in der Kindheit gelehrt hat. Und ihr fühlt nur eines: die Begier, die B*starde in Stücke zu reißen. Ihren ganzen B*stardsamen zu verbrennen. Zusammen mit der obersten Erdschicht. Bis zum granitenen Grund. Bis unter die Wurzeln. Habt ihr je so etwas gefühlt?

Ich bezweifle es.

Schließlich braucht es etwas Ernstes, um das zu fühlen. Etwas sehr Ernstes.

Was wisst ihr beispielsweise von dem Wort ‚Besetzung‘? Abgesehen von der Tatsache, dass es die Einnahme eines Gebiets durch den Feind und das Leben auf diesem Gebiet danach bezeichnet. Ich nehme an, die Meisten von euch erinnern sich an alte sowjetische Filme über Partisanen und das Leben unserer Brüder und Schwestern auf dem Gebiet, das die Faschisten während des Großen Vaterländischen Kriegs eingenommen hatten. Es ist, seien wir ehrlich, unwahrscheinlich dass diese Filme eine tiefere emotionale Reaktion auslösen. Zuerst, weil eine Menge Zeit vergangen ist und es unbewusst als etwas zu fernes wahrgenommen wird und euch nicht betrifft, auch nicht eure Verwandten. Selbst wenn einige Vorfahren hatten, die unter Besetzung lebten. Und, zweitens, sind diese Filme bereits tatsächlich Folklore. Und man nimmt sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen (wie „Komm und sieh“), ruhig und fast gefühllos zur Kenntnis.

Auch wenn ihr Inhalt, wenn man darüber nachdenkt, jeden Stephen King und jeden Clive Barker vor Neid erblassen lassen müsste. Es ist einfach Tatsache, dass Besetzung die abscheulichste, bestialischste Grausamkeit ist, die auf der Welt existiert. Und der Besatzer ist ein Biest. Immer. Ohne Ausnahme. Denn in den Augen der Besatzer sind die Bewohner des Gebiets, das er eingenommen hat, keine Menschen. Und mit ihnen verfährt er mit aller Grausamkeit, zu der er fähig ist. Vor allem, wenn das Kommando es nicht verbietet, sondern ermutigt. Und daher ist, wenn du erfährst, was der Besatzer mit den Menschen dort tut, in dem besetzten Land, das der Augenblick, an dem du lernen wirst, was Hass ist. Wirklich. Tief. Unbegrenzt.

Unsere Vorfahren haben ihn einmal gefühlt. Vor einer sehr langen Zeit. Als sie auf diesem selben Boden gingen und die Faschisten verjagten. Sie gingen und sahen, was jene getan hatten, als sie seine Herren waren. Und dann wurde es allmählich vergessen…

Aber gerade jetzt ist das bereits nicht mehr „irgendwo weit weg.“ Es ist in der Nähe. Auf den zwei Dritteln des Donbass, die von ukrainischen Besatzern eingenommen wurden.

Und fast niemand redet darüber, was dort jetzt geschieht. Das, was dort geschieht, wird von einer dichten Nebelwand verhüllt, die von beiden Seiten der Grenze darüber gebreitet wird. Aber die Stimmen tönen. Sie durchdringen den nebligen Schleier und bezeugen. Das sind die Stimmen der Städte, die bis vor kurzem fröhlich und voller Leben waren. Die jetzt zu Schattenstädten geworden sind. Und ich möchte, dass ihr heute eine ihrer Stimmen hört.

Dies sind drei Geschichten. Ohne Namen. Ohne Daten. Ohne Gesichter. Mit nur einem Minimum an topografischer Verbindung. Drei Geschichten von drei wirklichen Menschen. Die noch immer Verwandte haben, die unter Besatzung leben.

Der Name ihrer Stadt, die sich am Ufer des warmen Meeres erstreckt, hat einmal Lächeln ausgelöst. Jetzt ist dieses Wort ein Synonym für Schrecken und Grauen.

Mariupol. Die Stadt der Sonne, die zur Stadt der Schatten wurde.

Hier sind die Zeugnisse.

Erstes Zeugnis

„Ich [weibl.] wurde direkt auf der Straße gefangen, als ich aus der Arbeit kam. Sie sind einfach mit einem Auto hergefahren und haben meinen Namen gesagt. Als ich sagte, dass das wirklich mein Name ist – sie haben mir sofort den Arm verdreht und mich in den Kofferraum geworfen. Sie haben mich dabei geschlagen. Als ich sie fragte, wofür – antworteten sie, ich sei ‚Separatistin‘.

Hatten Sie irgendwelche Verbindungen zu einer Befreiungsbewegung?

„Nein. Weder, ehe ihnen unsere Stadt übergeben wurde, noch danach. Allgemein habe ich mich nie für Politik interessiert. Ich habe als Versanddisponent in einer Fabrik gearbeitet. Ich habe von Lohnscheck zu Lohnscheck gearbeitet. Ich habe mir Frauenserien im Fernsehen angeschaut. Ich war eine absolut normale Person. Bis zu diesem Tag. Dann lernte ich, dass ich nicht die einzige war. Sie haben viele auf diese Art gefangen. Einige werden einfach so gefangen. Andere wurden denunziert.“

Denunziert?

„Ja. Wegen der Wohnungen. Nachdem sie Mariupol eingenommen hatten, haben Raguli [Landvolk] aus der Westukraine angefangen, sich in der Stadt niederzulassen. So versuchen sie die Bevölkerung zu ersetzen. Wir sind schließlich gegen die Ukraine. Aber sie sind dafür. Sollen sie verdammt sein… Und wenn sie jemand die Wohnung wegnehmen wollen, oder das Auto oder irgend etwas anderes – dann schreiben sie eine Denunziation. Ich weiß nicht, wohin sie sie schicken. Aber ‚Asow‘ kommt. Und für mich kamen genau sie. Sie scheren sich nicht – für sie sind wir alle nicht menschlich. Sie können mit jedem von uns alles tun, was sie wollen, jede Minute. Und ihnen wird deshalb nichts geschehen. Sie wissen das, und jeder weiß das. Aber wenn es nur uns beträfe… Kinder verschwinden direkt von der Straße. Sie werden einfach eingefangen und fortgebracht. Also ‚Asow‘. Wie viele solcher Fälle gab es schon. Und niemand weiß – wohin. Keines davon kam zurück. Nun, wahrscheinlich verkaufen sie sie. Vielleicht wegen der Organe. Vielleicht in Bordelle. Nutzlos, irgendwo zu protestieren. Einige von denen, die protestiert haben, sind dann selbst verschwunden. Die SBU selbst hilft ‚Asow‘, und die Polizei hat einfach Angst. Es wurde ihnen zu verstehen gegeben sich nicht einzumischen. Darum sind viele, die Kinder hatten, nach Donezk geflohen. Da ist es auch nicht toll, aber solche Sachen gibt es dort nicht.“

Was ist danach mit Ihnen passiert?

„Zuerst haben sie mich an ihren Sitz gebracht. Da haben sie im Grunde gar nichts gefragt. Sie haben nur geschlagen. Sie haben meinen Pass genommen und verbrannt. Und dann … Es wäre mir lieber, sie hätten mich dort umgebracht… Dann haben sie mich zum Flughafen geschickt.“

Zu welchem Flughafen?

„Mariupol. Dort fliegen keine Flugzeuge mehr. Jetzt ist das ein Konzentrationslager. Sie nennen es selbst so – ‚Konzentrationslager‘. Und lachen, Und zu der Zeit habe ich dort keine Sträflinge gesehen. Nur Leute wie mich – einfach friedliche Bürger. Viele. Sehr viele. Obwohl sie auch Sträflinge dorthin gebracht haben – das wurde mir zumindest erzählt. Sie haben es für diese Zwecke umgebaut. Dort gibt es eine ganze Infrastruktur für Folter. Sie haben beispielsweise einige Gefriertruhen dorthin gebracht, mit -16 oder-18 Grad. Eine bestimmte Standardtemperatur. Ich weiß die genauen Details nicht. Aber ständig stecken sie Leute dort hinein. Manche erfrieren dabei. Darüber machen sie sich lustig. Ich habe solche Leute gesehen, während ich dort war. Das ist ihr liebster Spaß – Leute in diesen Zellen einzufrieren. Ich habe nicht alles dort gesehen. Aber sie töten jeden Tag. Wie viele – das weiß ich nicht. Unterschiedlich, vermutlich. Aber jeden Tag. Wir hörten sie schießen.

Am nächsten Tag wurde ich zum Verhör gebracht. Wenn man das so nennen kann. Dass ich ihnen nichts sagen konnte – das wussten sie. Aber sie haben trotzdem gespottet. Sie forderten, dass ich ihnen Komplizen nenne, und wie ich Terrorakte vorbereitet hätte. Und dabei haben sie gelacht. Dort, bei ihnen, das waren nicht nur Raguli. Da waren auch unsere Einheimischen. Die waren die Härtesten. Für die Raguli sind wir schlicht keine Menschen, aber für jene… ich weiß nicht einmal, wie ich es sagen soll.“

Ich verstehe, was Sie meinen.

„Und dann brachten sie mich zur Hinrichtung. Zu einem Loch. Und ich habe gesehen, was da war… All die Hände und Füße, die herausstanden und mit ungelöschtem Kalk bedeckt waren. Und dieser Geruch… Ich wurde ohnmächtig. Ich war nicht lange bewusstlos. Ich wachte wieder auf, weil sie mich getreten haben. Sie sagten, wenn ich nicht aufstehe, dann werfen sie mich lebendig da hinein, wie Aas. Ich bin aufgestanden. Aber sie haben mich zurück in die Zelle gebracht. Ich weiß nicht, ob sie mich wirklich erschießen wollten oder nicht. Sie machen das mit einigen – sie bringen sie zu einem Loch, und dann schießen sie über ihren Kopf. Vielleicht ist das ihre Unterhaltung. Ich weiß es nicht. Im allgemeinen lächeln sie viel. Als wäre ihr Lebenstraum erfüllt worden. Obwohl, vielleicht ist es ja so.“

Hat sich das wiederholt?

„Nicht die Hinrichtung. Verhöre – ja. Die gab es noch ein paar mal. Ich wurde wieder geschlagen. Aber schon ohne Eifer. Vermutlich hatten sie Anderes zu tun.“

Was haben Sie noch dort gesehen?

„Nicht besonders viel. Ich habe mehr gehört… Sie haben die Leute auf verschiedene Art verhöhnt. Nicht nur am Flughafen. Ich wurde dort mit einer halb verrückten Frau zusammengesteckt, aus einem der Dörfer bei Mariupol, die war vor ihren Kindern vergewaltigt worden. Mehr noch, sie haben die Kinder gezwungen, zuzusehen. Sie hatte drei Kinder. Wohin ihre Kinder verschwunden sind, ist unbekannt. Das war auch ‚Asow‘. Sie sind einfach in ihr Haus gekommen. Sie haben einfach vergewaltigt. Sie haben einfach die Kinder gezwungen, zuzusehen. Und dann wurde sie am Flughafen abgeworfen. Das ist übrigens nicht der schlimmste Ort. Es gibt schlimmere. Beispielsweise die Frauenzone [das Frauengefängnis] von Mariupol. Eineinhalb Jahre lang blieb dort keine junge oder irgendwie hübsche Verurteilte übrig. Vermutlich schreiben sie auf, sie seien geflohen. Wohin die Mädchen wirklich verschwunden sind – wen kümmert das? Schon vor dem Krieg hatten sie keine besonderen Rechte. Und jetzt…

Wie lange sind Sie dort geblieben?

„Etwa drei Wochen. Dann wurde ich zur SBU geschickt und nach Saporoschje überführt. Sie fingen ernsthaft an, einen Fall für mich zu stricken. Ich weiß nicht einmal, was sie dort erfunden haben. Sie haben mich einfach geschlagen und gezwungen, irgend etwas zu unterschreiben…. Und dann wurde ich ausgetauscht. Unerwartet. Ich wurde einfach ins Auto gesetzt, lange irgendwohin gefahren, herausgeholt und Leuten in ‚gorka‘ [Camouflage] übergeben. Ich habe nicht einmal gleich begriffen, dass die Milizen ‚gorka‘ tragen. Als ich begriff, wo ich war, wurde ich hysterisch. Auf dem ganzen Weg nach Donezk haben sie mich beruhigt. Und dann konnte ich lange Zeit nirgends eine Arbeit finden. Ich hatte keine Dokumente, nichts. Schließlich kam ich zu ‚Prisrak‘. Dort wurde ich akzeptiert. Ich habe gebeten, an die Front zu dürfen – sie haben mich nicht genommen. Sie sagten – vermutlich hasst du sie zu sehr. Du wirst sie ohne Zurückhaltung töten.

Ja, ich hasse. Ja, ich werde. Willst du sagen ich hätte nicht das Recht dazu?“

Zweites Zeugnis

„Ich war von Anfang an für den russischen Frühling. Ich war kein Aktivist, aber ich habe aktiv damit sympathisiert und habe beim Referendum für die Unabhängigkeit gestimmt. Dann, als die Stadt aufgegeben wurde und die Ukrops hereinkamen, fing ich an, dem Untergrund zu helfen. Nun, und dann wurde ich weggeholt. Wie sie mich gefunden haben – ich weiß es nicht. Eines schönen Tages rissen sie mich direkt von der Straße und fuhren mich fort. Ich wurde von der SBU gegriffen. Die SBU befasst sich mit solchen wie mir. Nicht ‚Asow‘. Die verhöhnen nur friedliche Bürger und Gefangene. Damals war ich sogar froh, dass sie mich gefangen nahmen und nicht eines der Territorialbataillone. Die sind generell Biester. Jene aber sind zumindest im Dienst. Ich dachte, das wäre leichter. Ich habe mich geirrt.“

Wohin wurdest du dann gebracht?

„Ich wurde beinahe sofort aus Mariupol weggebracht. Ich wurde nach Charkow überstellt. In die örtliche Abteilung der SBU. Dorthin bringen sie viele von den Unseren. Leute, die im Untergrund arbeiten, Gefangene, und solche, die die falschen Wörter gesagt haben. Nun, und einfach solche, die sie verdächtigen. Und in Wirklichkeit ist das einer der schrecklichsten Orte. In der SBU Charkow sind nur die Degeneriertesten, die nicht besser sind als die Territorialbataillone. Oder sogar schlimmer. In Wirklichkeit können diese ‚Aidar‘ oder ‚Asow‘ noch eine Menge von ihnen lernen Übrigens, damals wurde mir gesagt, dass sie in der Westukraine, in der SBU Lwow oder Ternopol, nicht so brutal foltern. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht einfach, weil sie dort gerissener sind, oder weil sie eine ererbte Erinnerung haben – und verstehen, dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden können. Oder vielleicht verstehen sie es nicht besonders, sondern wissen es genau. Sie fühlen es in ihrem Nacken. So dass sie deshalb sich den Leuten gegenüber mehr oder weniger korrekt verhalten. Aber unsere Einheimischen … Wirklich die wildesten Bestien. Obwohl, die Hilfspolizei war immer so – sie hassten ihre eigenen am meisten. Du weißt, wie man sagt: es gibt keinen stärkeren Hass als jenen, den der Verräter auf jene hegt, die er verraten hat. Als das ist es, so sind sie dort.“

Was ist dann passiert?

„Ich wurde 18 Stunden gefoltert. Ohne Unterbrechung. Sie haben sich abgewechselt, wenn sie müde wurden. Ich weiß die Zeit genau – ich habe die Uhr gesehen. Wie ich gefoltert wurde? Im allgemeinen geschlagen. Hör zu, ich hätte mir nicht einmal vorstellen können, wie viele verschiedene Arten es gibt, um einen Menschen zu schlagen. Die SBU Charkow kennt einen Trick – mit einem Buch schlagen. Nun, mit der Buchkante, verstehst du? Auf weiches Gewebe. Aber das ist nur eine ihrer Methoden. Die Jungs haben Fantasie. Offenbar mögen sie ihre Arbeit. Es sind nicht die Bücher, an was ich mich erinnere. Sie nahmen Granaten ohne Zünder, stopften sie in Gasmasken und haben damit geschlagen. Auf jede Seite. Auf den Rücken. Auf die Brust. Als ich ohnmächtig geworden bin, haben sie mich aufgeweckt und weiter gemacht. Vermutlich die einzige Stelle, auf die sie mich nicht geschlagen haben, war der Kopf – sie hatten nicht die Aufgabe, mich umzubringen. Obwohl es besser gewesen wäre, hätten sie. Dann, als ich schon zu einem Stück Fleisch geworden war, wurde ich einfach in den Polizeiwagen geworfen und es wurde befohlen, mich ins Untersuchungsgefängnis zu bringen. Aber auf halber Strecke dahin haben die Wächter kehrt gemacht und mich ins Krankenhaus gefahren. Ich habe gehört, wie sie ins Funkgerät gesprochen haben: sie haben Schimpfwörter gebraucht und gesagt, ‚der Separatist wird jetzt einfach verrecken‘ in ihrem Wagen, und dann seien sie dafür verantwortlich. Ich habe das gehört und verstanden, dass aus meinem Mund Blut lief. Eine Menge Blut. Ich habe schon nichts mehr gefühlt. Gar nichts. Ich war vermutlich wirklich dabei, zu sterben. Wer weiß.“

Sie brachten dich ins Krankenhaus?

„Ja. Dort wollten sie mich nicht aufnehmen. Der Doktor in der Unfallstation hat versucht, uns nicht hereinzulassen. Er sagte, sie hätten keine Betäubungsmittel, und es bräuchte offensichtlich eine Operation, und rasch. Und dass er hinterher auch keinen formellen Bericht schreiben will. Und die Wächter antworteten: „Das ist ein Separatist, schneidet ihn ohne Betäubung.“ Und das… haben sie.“

Was, du wurdest ohne Betäubung operiert?

„Ja. Genau. Dann wurde mir gesagt, vielleicht war es unter örtlicher Betäubung. Ich weiß nicht, vielleicht. Aber was sie davor in der SBU gemacht haben, kann nicht mit dem verglichen werden, was in diesem Krankenhaus passierte. Dann haben sie ‚operiert‘. Was habe ich in dem Moment gefühlt? Ich kann dir das kaum erklären. Es wurde entdeckt, dass in Folge der Schläge meine Rippen gebrochen waren, so dass Splitter in die Lunge eingedrungen sind. Eine halbe Stunde später – und ich wäre einfach gestorben. Vielleicht sogar schneller. Dazu mehrfache Verletzungen der inneren Organe. Und Blutergüsse. Dieses Wort klingt so normal, aber stell dir einen Erguss vor, von dem das menschliche Bein doppelt so dick wird. Kannst du dir das vorstellen? Und so war ich, am ganzen Körper. Ehrlich? Im Grunde kann ich mir nicht vorstellen, warum ich noch am Leben bin. Ukrop-Ärzte. In meinem Zimmer haben sie ein großes Plakat aufgehängt: „Separatist.“ Sie haben mir praktisch keine Schmerzmittel gegeben. Die Krankenschwester brachte Essen und stellte es in meine Nähe. Sie hat gesehen, dass ich an Händen und Füßen gefesselt war. Dass ich nicht würde essen können. Um nicht zu erwähnen, dass ich eine Woche lang nicht die leiseste Bewegung machen konnte. Sie hat es gesehen. Sie hat das Essen in die Nähe meines Kopfes gestellt und gelächelt. Und weißt du, wer menschlich erschien? Die Wächter. Sie haben alles gesehen. Und dann haben sie angefangen, mich heimlich zu füttern. So dass es niemand gesehen hat. Und einer hat sogar Schmerzmittel gebracht. Er hat sie mit seinem Geld in der Apotheke gekauft und mir genauso heimlich gegeben. Gott gebe ihnen Gesundheit und ein langes Leben.

Aber das war nicht das Härteste. Mehrere Male brachten sie Studenten aus dem örtlichen medizinischen Institut zu mir, um ihnen zu zeigen, wie solche unüblichen Wunden anfangen, zu heilen. Und so haben mich diese künftigen Mediziner (und ihre ‚Mentoren‘) angestarrt wie ein lebloses Objekt. Und nicht einmal wie ein Tier. Ich weiß nicht einmal, was das war. Ich habe keinen Hass gespürt oder irgendwelche besonderen Gefühle. Einfach nur ein kaltes, stilles Etwas. Als wären vor mir keine Menschen. Irgendwelche Wesen ohne Seele. Erinnerst du dich an den alten Film ‚Alien‘? Sie waren auch so etwas. Nach ihrem Dialekt zu urteilen, waren sie alle keine Einheimischen. Manche aus der Westukraine. Andere aus der Zentralukraine. In Charkow gab es immer eine gute Ausbildung; in der UdSSR kamen viele dorthin. Es war nur ein einziger Einheimischer dabei – derjenige, der sie mitbrachte. Der Lehrer. Und sie steckten eine Sonde in offene Wunden. Als wäre ich ein Frosch. Obwohl, nicht einmal jeder Frosch wird lebend aufgeschnitten. Ich schreie einmal, und der Lehrer sagt ihnen, auf die schmerzvolle Reaktion zu achten, zu schauen, wie die Muskeln zucken. Nun, oder etwas in der Art. Danach wollte ich dem Abschaum dieses Vergnügen nicht gewähren. In meiner Kindheit habe ich einmal einen Film über medizinische Experimente in Konzentrationslagern gesehen. Und ich konnte nicht verstehen, welche Art Menschen so etwas tun kann,Waren das wirklich Menschen? Jetzt weiß ich es ich habe sie gesehen. Das sind keine Menschen.“

Wie bist du freigekommen?

„Ich wurde ausgetauscht. Bei einem der letzten Male. Ehe dieses ‚Minsk‘ sich breitgemacht hat und die Gefangenen ignoriert wurden. Davor gab es Behauptungen, es gäbe uns nicht. Warum gerade mich – ich weiß nicht. Es gab noch viel mehr wie mich. Mengen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele. Wer alles an solchen Orten wie Mariupol eingefangen wird, und für was alles. Dort ist jeder jenseits des Gesetzes. Weißt du, man sagt, das sei Nazismus. Aber nein, das ist nicht Nazismus. Das ist die Ukraine. Sie ist wirklich so.“

Drittes Zeugnis

„Vor zwei Wochen wurde mein Verwandter umgebracht. Und wenn du fragst, wofür oder warum – gibt es keine Antwort. Einfach zum Spaß. Weil er ihnen im Weg war. Und auch weil für sie die Leute aus dem Donbass nur noch zufällig lebende Tote sind. Einfach, weil er aus dem Donbass war. Wir haben keine Rechte, auch nicht das Recht auf Leben. Ich persönlich habe Mariupol schon 2014 verlassen, als die Stadt den Ukrops gegeben wurde. Die Stadt und eine halbe Million Einwohner… Ich habe die Miliz unterstützt – ich habe beschlossen, nicht zu warten, Während er blieb. Ich habe ihm gesagt, er soll gehen. Er wollte nicht. Er sagte, das ist meine Stadt, mein Land, ich gehe nirgendwo hin. Wir alle wussten, was für ein Durcheinander es dort ist. Er wusste es ganz besonders. Aber er war stur. Und er wollte auch seine Großmutter nicht allein lassen. Er war immer noch ein sehr junger Kerl. Er studierte Bau. Gott gebe seiner Seele Frieden… Wie schrecklich es auch klingen mag, aber er falls er nur deshalb umgebracht wurde, weil er mein Verwandter war – das könnte ich wenigstens verstehen. Aber nein, so war es nicht. Ich würde es nicht verstehen – ich wüsste den Grund. Aber so…“

Wie ist es passiert?

„Wie üblich. Nach Mariupoler Maßstäben. Heutigen… Einige Ghouls von ‚Asow‘ suchten nach einem Schuss. Sie waren auf Entzug. Viele von ihnen hier hängen an der Nadel. Und hingen schon vor dem Krieg daran. Was denkst du – welche Art Degenerierte werden bei sowas genommen wie ‚Asow‘? Wer macht so einen Mist? So ist die Ukraine, so sind ihre Helden. Also sie wollten einen Dealer finden, um von ihm diesen Schuss zu bekommen. Wohin sie gehen sollten – das wussten sie offensichtlich nicht. Woher sollen die Besatzer die Lage am Ort kennen? Aus irgendeinem Grund sind sie daran nicht interessiert. Also gingen sie raus und schnappten sich den ersten Einwohner, der ihren Weg kreuzte. Und fingen an, ihn zu foltern. Gleich dort. Praktisch auf der Straße. Wobei er auch nicht wusste, wo hier der Dealer ist. Die meisten Leute nehmen keine Drogen. Und haben auch keine Adressen von Dealern. Dieser Bursche widerstand, solange er konnte. Aber dann deutete er mit dem Finger einfach auf den ersten Bekannten, den er sah. Genauso wenig ein ‚Dealer‘ wie er. Sein Freund, an dessen Adresse er sich erinnerte.“

Und das war dann dein Verwandter?

„Ja. Weißt du, ich begreife nicht einmal, ob ich auf ihn böse sein soll oder nicht. Ich weiß einfach, dass diese Ukrop-Bastarde foltern. Ich habe Gefangene gesehen, die von ihnen zurückkamen. Und dann kamen sie zu meinem Verwandten und riefen ihn unter irgendeinem Vorwand aus dem Haus. Schleppten ihn auf den Müllplatz hinter dem nächsten Café und fingen an zu foltern. Zornig. Wild.

Warte, das Café ist doch ein öffentlicher Ort.

„Stimmt absolut. Sie haben ihn praktisch vor jedermann mindestens sechs Stunden lang gefoltert. Die halbe Stadt war Zeuge. Und fürchtete sich, nahe zu kommen, denn sie wussten – wenn du nahe kommst, wirst du einfach getötet, und das war´s. Und ihnen wird dafür nichts passieren. Eine ältere Frau machte vor etwa einem halben Jahr mal eine Bemerkung zu einem von ‚Asow‘ auf der Straße, weil er sich viehisch benahm. Und er hat ihr einfach ins Bein geschossen. In die Kniescheibe. Die Ärzte waren gut – sie haben mehrere Operationen gemacht, wenigstens haben sie ihr Bein nicht amputiert. Und jetzt ist sie Invalide bis ans Ende ihrer Tage. Das nur für das Hören einer Bemerkung. Das ist, was sie mit unseren Leuten machen. Und sie haben meinen Verwandten ohne Zögern umgebracht. Seine Großmutter rief ihn an, um zu wissen, wo er ist, und sie haben ihr geantwortet und detailgenau beschrieben, wie sie ihn mürbe machen. Nun, und dann ist er einfach gestorben. Was soll man dazu sagen?“

Und was geschah dann?

„Später hat sie die Polizei anscheinend geholt. Sie fürchten sich vor ‚Asow‘, aber das war schon weit jenseits aller Grenzen. Besonders, weil es wirklich ein ganzes Meer an Zeugen gab. Sie waren tatsächlich mehrere Stunden lang nicht im Stande, ihren Mut zu finden [einzugreifen]. Während sie noch nachdachten – ist er gestorben.“

Wie sehr fürchten sie sich?

„Was denkst du? Sie sind schließlich die Hilfspolizisten, und die Banderisten sind in Wirklichkeit ihre Chefs. Und ‚Asow‘ verwandelt nicht nur Mariupol in einen Alptraum. Vor einiger Zeit wurde ‚Asow‘ aus der Stadt genommen und in benachbarten Dörfern untergebracht, also gingen sie in die Häuser und sagten den Leuten einfach: ‚Ihr habt drei Minuten, um zu verschwinden, ihr könnt nur das mitnehmen, was ihr greifen könnt, die Uhr läuft.“ Und schickten die Leute aufs Feld. Im Winter. Die, denen es gelungen ist, bis Donezk zu kommen, haben uns alles erzählt. Sie waren einfach froh, dass sie nicht umgebracht wurden, und ihnen nichts abgeschnitten wurde. Üblicherweise passiert das nicht genau so.“

Was war auf dem Polizeirevier?

„Nichts. Sofort ist der ‚weiße Führer‘ Biletsky eingetroffen. Er hatte sogar den stellvertretenden Innenminister Awakow im Schlepptau. Die Bullen wollten ‚Asow‘ erst nicht freilassen, aber Bilezky sagte ihnen, dass er jetzt ‚Asow‘ befehlen wird, das Gebäude einzunehmen und alle wie Schweine in Stücke zu schneiden. Und dann haben sie die B*starde freigelassen. Die waren weniger als einen Tag im Gefängnis, und laufen weiter herum. Das hat tatsächlich wenige überrascht. Versuch das zu verstehen: was meinem Verwandten passiert ist, ist nur eine Episode. So etwas passiert dort jeden Tag – jeden Tag. Alle sind entsetzt. Alle zittern sie wie Espenlaub. Und hassen diese widerliche Ukraine mit glühendem Hass. Aber sie haben Angst, es zu sagen. Weil sie für jedes Wort und für jeden ‚falschen‘ Blick mit einem tun können, was immer sie wollen. Und sie tun es. Und manchmal ohne jeden Grund. Weißt du … sie sind Besatzer. Und sie besetzen uns. Weil man sich den eigenen Leuten gegenüber nicht so benehmen kann. So etwas macht man nicht mit den eigenen Leuten. Und das heißt, sie selbst sehen uns nicht als ihre eigenen Leute. Und sie kamen ursprünglich genau dafür hierher, um so einen Mist zu veranstalten. Es kann keinen anderen Grund geben. Also dieser Krieg ist in keinem Punkt ein ‚Bürgerkrieg‘. Sie wollen uns nicht auf diesem Land haben. Oder wollen, dass es uns gar nicht gibt. Und wenn das so ist, was kann sie wirklich hemmen?

Ich kommuniziere regelmäßig mit Leuten aus meiner Stadt. Weißt du, was sie mir sagen? ‚Wenn ihr kommt, um uns zu befreien – kommt nicht gleich in die Stadt, wenn die Ukrops weg sind. Bleibt wenigstens einen Tag in der Nähe. Wartet ab. Und schaut in die andere Richtung. Wir werden uns um die Dinge hier selbst kümmern. Hier wissen wir genau – wer, wofür und wie.“


Das sind solche Zeugnisse aus der Stadt der Schatten.

Ich möchte das, was gesagt wurde, nicht kommentieren. Ich habe es gesagt – ihr habt es gehört. Das ist alles.

Ich möchte nur ein paar Worte zu denen sagen, die sicher im Hinterland sitzen und der Bevölkerung der besetzten Gebiete vorwerfen wollen, dass sie keinen Aufstand beginnt.

Erstens ist es sehr schwierig, einen Aufstand, wie auch einen erfolgreichen Partisanenkrieg ohne Unterstützung von außen zu führen. Und es ist nicht an mir, Fragen zu diesem Thema zu beantworten. Natürlich, wenn ihr sie wirklich stellen wollt. Eine tiefe Verneigung vor jenen, die selbst in dieser Lage den Kampf im Untergrund fortsetzen.

Zweitens, es ist besonders viehisch, Leute, die unter einer bösartigen Besatzung leben, auch nur zu kritisieren, wenn man selbst im Hinterland lebt. An ihrer Stelle, Jungs, würdet ihr euch schneller in die Hosen machen als jeder andere. Und würdet wahrscheinlich loslaufen, um mit den Besatzern zu kooperieren.

Also haltet einfach das Maul.

P.S.: Ich danke dem „Forum zur Rettung Mariupols“ sehr für die Gelegenheit, die Informationen zu erhalten, die in diesem Text stehen.

 

 

 

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