Ein Ort dazwischen

Erstveröffentlichung Mai 2015

Es ist ein kalter, aber sonniger Vormittag, als wir nach Oktjabrski losfahren, einem weiteren der heftig beschossenen Viertel, das wie so viele andere um ein Bergwerk gleichen Namens errichtet wurde. Wir fahren zur letzten Häuserreihe; nur ein paar Bäume trennen uns von offenen Feldern, und nur 500m von den ukrainischen Linien. Hier treffen wir auf eine Essensausgabe des Batallion Wostok. Geplant oder zufällig? Das ist nicht ganz klar, aber hier geschieht alles hastig; einige Minuten vor Ort, schon ist es Zeit, wieder zu fahren.

Kein Gas, keine Elektrizität… vor dem zweiten Haus, das wir besuchen, steht ein improvisierter Herd, nur eine Metallplatte auf einigen Steinen, mit einem Dach darüber; an Feuerholz mangelt es nicht, sie sammeln die Äste auf, die die Granaten von den Bäumen brechen. Die Fassaden tragen Pockennarben von den Schrapnellen. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit noch an solche Spuren, damals waren sie an vielen Gebäuden in München noch zu sehen, dunkle, schmutzige Löcher; aber diese hier sind frisch, und der Stein unter der grauen Haut leuchtet in jungfräulichem Weiß.

Einer der Männer, die für die Essensausgabe herauskamen, nähert sich mir. Er ist betrunken und zornig. Etwas später erzählt er, er sei Lastwagenfahrer für das Bergwerk gewesen. „Habt ihr kein Geld in Deutschland? Könnt ihr das Gas nicht einfach kaufen,“ sagt er, und „ihr habt es schon dreimal versucht, ihr werdet auch ein viertes Mal scheitern.“

Wir sollten weiter, signalisiert Stanislawa, und wir steigen zurück in den Bus, aber wo ist der Türke? Der Fotograf verschwand, um ein beeindruckendes Loch einzufangen, mit den Resten einer Rakete darin, an dem wir auf der Herfahrt vorbeigefahren waren…

Wir verlassen den Stadtrand und fahren etwas tiefer ins Viertel hinein. Wir müssen etwas warten, bis wir aus dem Wagen steigen können. Das Wetter hat abrupt gewechselt, und es hagelt; wir verstecken uns vor dem Mistwetter im Bus, aber alle denken an den unnatürlichen Hagel, der hier so oft fällt. Grad, wie der Raketenwerfer heisst, mit dem hier so häufig gefeuert wird, ist das russische Wort für Hagel.

Dieser Frühling sieht aus wie ein eigenartiger Herbst, in dem die Bäume nicht nur Blätter, sondern Äste abwerfen, und die Häuser aus Sympathie das Fensterglas. In der Nähe der Gebäude knirscht jeder Schritt.

Die Leute reagieren auf zweierlei Art auf uns. Entweder wollen sie gar nicht mit uns reden, wollen keinen Kontakt mit denen aus dem Westen, oder sie sammeln sich um uns, um ihren Zorn loszuwerden. Und sei es nur eine Gelegenheit, Poroschenko einen Bastard zu nennen. Hier treffen wir auf die zweite Art.

„Wir haben Wochen in den Kellern verbracht“, sagt eine Frau, und ihre Nachbarin fügt hinzu, „ich konnte noch nicht einmal dorthin; ich habe meine Mutter daheim, sie kann nicht laufen, sollte ich sie im Stich lassen?“ Letzte Nacht erst wurde dieses Viertel wieder beschossen. Im Augenblick ist ein entferntes Grollen vom Flughafen her zu hören; Mörser, heißt es, und etwas Maschinengewehrfeuer; das ist ein gut hörbarer Waffenstillstand.

Um die Ecke sind vor den Häusern kleine Gärten angelegt, es stehen Betonbänke am Wegesrand und aus der Erde spriessen Tulpenreihen. Der Himmel hat sich minutenschnell geklärt und die Sonne ist wieder hervorgekommen. Wir begegnen einem alten Ehepaar; er grummelt, er sei im Weltkrieg aufgewachsen, er wisse noch, woher geschossen werde, und er wisse, das seien die Ukrainer, und seine Frau spricht von ihrem 19jährigen Urenkel, der den Flughafen verteidigt. Sie fängt an zu weinen, und Stanislawa nimmt sie in die Arme, und dann kommen auch Stanislawa fast die Tränen und sie sagt leise, „wir haben kein Recht, unsere Waffen niederzulegen, so lange diese alten Leute so leiden müssen.“

Wieder in den Bus, und wieder Hagel, und Olga kommentiert: „Die Sonne kämpft mit den Wolken“, und jemand fügt hinzu: „Der Kampf zwischen Gut und Böse“. „Ein Ort dazwischen,“ sagt Dana, die zweite Übersetzerin, und dieser Satz scheint ihr ganzes Dasein zu umfassen.

Wir halten für ein schnelles Mittagessen an einem Markt; das nächste Ziel ist Saur-Mogila. Neben dem Imbiß ist ein Blumengeschäft, und ich frage Olga, ob es in Ordnung ist, wenn ich welche mitnehme, denn es wäre nicht recht, wenn ich, die Deutsche, dorthin käme, ohne den sowjetischen Soldaten meinen Respekt zu erweisen, und welche Blumen es sein sollten. Rote Nelken, sagt sie, das ist der Brauch hier. Aber eine gerade Zahl. Gerade, frage ich, ich dachte immer, Blumen kauft man in ungerader Zahl. Ungerade für die Lebenden, antwortet sie, gerade für die Toten; aber sie weiß nicht, warum. Später fragen wir Stanislawa, die etwas erstaunt ist, in ihrem Zivilberuf gebraucht zu werden, und sagt, die Floristen glaubten, das sei, weil das Ungerade ür die Möglichkeit des Glücks steht.

Auf dem Weg nach Saur-Mogila ändert sich die Landschaft, wir fahren durch nackte Hügel. Es gibt Bäume, aber keine Wälder. Etwa einen Kilometer vor dem Monument wird die Straße zu einer Birkenallee; einige der Bäume sind stark verbrannt. Wieder ist unterhalb des Denkmals, wie in Donezk, eine Plattform mit alten Waffen, und ich frage mich, was mit ihnen während der Gefechte des letzten Sommers passiert ist. Wurden sie irgendwo sicher aufbewahrt? Wurden sie gebraucht und jetzt wieder in den Ruhestand versetzt? Oder sind diese Teile bereits Ersatz? Eines jedenfalls ist unvorstellbar – dass sie während der Schlacht hier standen und unversehrt blieben.

Gegen scharfen Wind steigen wir die zerbrochenen Stufen empor. Ichs suche nach einer Stelle, um die Nelken niederzulegen, und entdecke, dass der aktuelle Ort dafür unter dem großen eisernen Stiefel ist, dem letzten noch stehenden Stück der Statue, die einmal neben einem Obelisken diesen Hügel krönte. Eine gerade Zahl roter Nelken für das Denkmal der alten Schlacht, und eine gerade Zahl für die frischen Gräber daneben; der selbe Ort, der selbe Feind. Weiter unten scheint die Gestalt eines sowjetischen Soldaten aus einem der in Stücke geschossenen Reliefs aus den Trümmern heraus zu kriechen. Zwischen diese Teile des Denkmals schneiden die Schützengräben des vergangenen Jahres. Die Vergangenheit und die Gegenwart mischen sich; wirklich ein Ort dazwischen.

Stanislawas tschetschenischer Ehemann, unsere zweite Wache, macht sich über uns lustig, indem er mit dem Auto, das unseren Bus begleitet, auf dem Gras neben der Treppe den Hügel hochfährt, und auch beim Abstieg überholt er uns erneut. Den Rest des Hügels eilen wir hinunter; aber die dunklen Wolken, die noch entfernt schienen, erreichen uns, ehe wir den Bus erreichen, und entladen über uns abermals – Hagel.

Mittlerweile ist ein halbes Dutzend große Busse auf der Plattform am Fuße des Hügels eingetroffen, unsere zweite Begegnung mit dem Batallion Wostok heute. Diesmal handelt es sich vor allem um eine Gruppe Jugendlicher, die förmlich unter wehenden Siegesfahnen zu den Überresten des Denkmals hochsteigen.

Wir lassen sie zurück und fahren nach Stepanowka, einem Dorf in der Nähe. Hier steht fast kein Haus mehr. Die wenigen, die unberührt blieben, sind hübsche Gebäude, vor allem in Weiß und Blau, an den Wänden mit gelben Blumen verziert. Der Rechte Sektor hatte hier sein Hauptquartier aufgeschlagen, wird uns erzählt, und der Bruder von Jarosch sei in einem Panzer die Straßen auf- und abgefahren und habe zum Spaß auf die Häuser geschossen. Der Türke reisst wieder einmal aus und stapft durch die Ruinen, um vor einer halb begrabenen Granate in die Knie zu gehen, obwohl das Gebiet noch nicht völlig geräumt ist.

Zurück im Hotel verbringen wir eine ruhige Nacht. Das Viertel jedoch, das wir am Vormittag besucht hatten, wird abermals beschossen. Aber ich bin mir sicher – sollte den Tulpen etwas geschehen sein, werden sie neue pflanzen.

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