Die trostlose Kette

Es war ein eigenartig leeres Ostern dieses Jahr. Fürs Eiermalen sind meine Mädels mittlerweile zu groß; ich dachte, es wäre an der Zeit, sich mit dem Mythos auseinanderzusetzen (und ähnlichen Mythen drum herum) und suchte einen einfachen Einstieg im Fernsehprogramm, stellte aber verwundert fest, dass es an Ostern inzwischen gar nicht mehr um Ostern geht.

Nun sind wir Atheisten, und man sollte meinen, diese Lücke erfreut mich. Wenn es um die Scharmützel geht, die im öffentlichen Raum stattfinden, ob man etwa ‚Das Leben des Brian‘ am Karfreitag im Kino zeigen dürfe, ist meine Position klar; gleiches gilt bezogen auf Kreuze in öffentlichen Gebäuden. Aber sie erfreut mich nicht; ich empfinde sie als Hinweis auf eine tiefere und bedrohliche Leere. Ich hätte mich mit meinen Töchtern gerne über die Frage unterhalten, welche Dinge ein menschliches Leben sinnvoll oder gar wertvoll machen, jenseits des Konsums; die Beschäftigung mit solchen Fragen ist schließlich die klassische Aufgabe Heranwachsender; aber ich stellte fest, dass in dem kulturellen Diskurs, den die Medien liefern, dafür kein Raum ist. In früheren Jahren waren die Zeit vor Weihnachten und die Zeit vor Ostern zumindest noch eine vorübergehende Unterbrechung im ausgiebigen Beschweigen sozialer Fragen, und es gab einen Ansatz dafür, wahrzunehmen, dass der gewöhnliche Alltag nicht alles ist, was den Menschen ausmacht oder ausmachen sollte. Selbst dieses kleine Fenster hat sich mittlerweile geschlossen.

Solche Irritationen verleiten mich immer, weiter nachzubohren. Warum macht mich die Entleerung dieser Feiertage alles andere als glücklich? Was ist es, was mir fehlt an einem Ostern ohne Ostern? Ist es das Widerständige, das sich aus der Ostergeschichte lesen lässt?

Nein, es ist etwas anderes, und die Lücke greift tiefer, bis an die Fundamente menschlicher Gesellschaft selbst.

Um zu erläutern, worauf ich stieß, muss ich erst eine sprachliche Ungenauigkeit des Deutschen klären. Das Deutsche bezeichnet die Sachverhalte, die das Englische mit ‚victim‘ (das Opfer wider Willen) und ’sacrifice‘ (das willentliche Opfer) benennt, mit dem selben Wort ‚Opfer‘ (im Lateinischen sind diese Begriffe auch unterschieden). Zum Einstieg möchte ich also klarstellen, dass es hier um den Begriff des willentlichen Opfers geht. Das ist der Kern der Ostererzählung, auch der Kern des damit verbundenen rituellen Verhaltens (in der Fastenzeit). Dieses Bild des Opfers ist dabei, zu verschwinden und durch eine Weltsicht ersetzt zu werden, die nur noch Täter und Opfer kennt (im Sinne von ‚victim‘). Deutlich wird das nicht nur in den Erzählungen der Alltagskultur, sondern auch im Sprachgebrauch von Jugendlichen, unter denen ‚du Opfer‘ als Beleidigung gilt.

John Maynard war unser Steuermann,
aus hielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard
Theodor Fontane

Jede Kultur kennt solche Heldengeschichten; auch das Bürgertum des 19. Jahrhunderts kannte sie noch, wie das Gedicht von Fontane belegt. Um sie zu finden, muss man nicht in die Geschichte der Kriege blicken und die Schlacht an den Termophylen bemühen. Natürlich gibt es Missbrauch dieser Bilder und Mythen; aber sie sind grundlegend für jede menschliche Kultur, und das Verhalten, das sie als Ideal setzen, ist in verschiedensten Situationen tatsächlich eine Voraussetzung des Überlebens als Gruppe oder als Spezies.

Menschliche Kultur beruht auf Kooperation, und das Opfer ist nichts als die extreme Variante der Kooperation. Dass auf verschiedenste Weise Erzählungen von Opfern ins Gedächtnis gerufen werden, ist zugleich eine Affirmation der Kooperation, des Grundsteins menschlicher Existenz.

Es gibt eine Versuchsreihe der Max-Planck-Gesellschaft für evolutionäre Anthropologie aus dem Jahr 2012, die sehr interessant ist. Sie stellten Primaten und Kleinkindern eine Aufgabe, die sie gemeinsam lösen mussten, und beobachteten das Verhalten beider im Umgang mit der Belohnung. Bei den Primaten klappte die Kooperation zur Lösung der Aufgabe, aber danach suchte jeder Affe, für sich den möglichst großen Teil der Belohnung zu sichern. Bei den Kleinkindern fand im Alter zwischen zwei und drei Jahren ein Umbruch statt: die Dreijährigen achteten darauf, die Belohnung zu teilen. Sie hatten eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die ihr Handeln leitete.

Dieser Unterschied im Verhalten hat weitreichende Folgen. Der Egoismus der Menschenaffen hat die Konsequenz, dass Kooperation nur kurzfristig möglich ist, für ein einzelnes Problem. Sie können die Notwendigkeit zur Kooperation erkennen, aber sie können sie nicht aufrechterhalten. Die Menschenkinder behandeln Kooperation als eine grundlegende, dauerhafte Notwendigkeit; nur, wenn das Ergebnis gerecht geteilt wird, werden die Beteiligten auch weiterhin zusammenwirken.

Dieses Verhalten ist das Ergebnis der Tatsache, dass die Entwicklung menschlicher Kultur, ja, das Überleben der Spezies selbst nur durch dauerhafte Kooperation möglich war und ist. Viele Züge, die wir als charakteristisch für Menschen ansehen, finden sich auch bei unseren nächsten Verwandten – sie führen Kriege und stellen Werkzeuge her. Aber an diesem einen Punkt gibt es einen entscheidenden Unterschied, der es uns ermöglichte, über Jahrtausende hinweg Wissen und Fertigkeiten anzusammeln und weiterzugeben, die Fähigkeit zur Kooperation. Und es ist nicht unbedeutend, dass das Konzept der Gerechtigkeit und die Kooperation so eng miteinander verknüpft sind…

Kultur entsteht, indem die Kooperation die Spanne des einzelnen menschlichen Lebens überschreitet. Wenn das von Einzelnen erworbene Wissen zumindest in Teilen an die nächste Generation weitergereicht wird und die Grundlage für deren Fortentwicklung bildet. Einstein hat einmal von sich gesagt, er sei ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen, und verwies damit auf Isaac Newton. Aber selbst Newton ist ein Zwerg, der auf den Schultern jenes unbekannten Riesen steht, der das Rad erfunden hat. Diese lange Kette des Teilens ist unsere Stärke, die uns bis in den Weltraum geführt hat.

Diese Notwendigkeit der Kooperation kann auch in anderer Hinsicht die Spanne des einzelnen Lebens überschreiten, wie in dem Gedicht Fontanes. Es gibt Situationen, in denen das Wohl der Gesamtheit (die manchmal die gesamte Menschheit umfassen kann) davon abhängt, dass Einzelne erkennen, dass ihr persönliches Wohl im Verhältnis unbedeutend ist. In der Ostergeschichte mag das fiktiv sein, aber genau an diesem Punkt sind in unserer westlichen, kapitalistischen Gesellschaft tiefe Risse zu sehen.

Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muß es so nützen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht.
Nikolai Ostrowski

Wenn man die beiden Großkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima vergleicht, gibt es einen entscheidenden Unterschied. In Tschernobyl wurde die Kettenreaktion gestoppt, in Fukushima sind ganze drei geschmolzene Kerne nach wie vor reaktiv.

Der technische Unterschied besteht darin, dass in Tschernobyl als Reaktion auf die Explosion des Reaktors per Hubschrauber tonnenweise Bor auf die glühende Masse gekippt wurde. Das Bor bremst, wenn es mit der atomaren Lava verschmilzt, die Kettenreaktion, die ja nicht mehr von Wasser gebremst wird, und sorgt dafür, dass die Lava abkühlt und aushärtet. Nur deshalb war es in Tschernobyl möglich, mittels des Betonsarkophags eine weitere Verbreitung radioaktiver Substanzen zu stoppen. Ein geschmolzener Kern, der weiter reaktiv ist, schmilzt sich immer weiter in den Boden (bekannt als ‚China Syndrome‘) und kann über das Grundwasser immer neue Spaltprodukte in der Umwelt verteilen. Das ist es, was in Fukushima bis heute passiert.

Was in Fukushima hätte geschehen müssen, wäre ein Aufsprengen der innersten Hülle gewesen und ein massiver Eintrag von Bor, wie in Tschernobyl.

Die Hubschrauberpiloten von Tschernobyl haben ihren Einsatz allerdings mit dem Leben bezahlt, wie viele weitere, die die dortige Katastrophe eindämmen halfen. Ein Beispiel dafür (und einen Anlass, ihres Opfers zu gedenken) liefert das folgende Video:

Die Erzählung von Tschernobyl hier im Westen behauptete immer lautstark, all jene, die in der Sowjetunion die Katastrophe bekämpfen halfen, hätten nicht gewusst, in welche Gefahr sie sich begäben und seien von ihrer skrupellosen Regierung geopfert worden. Sie waren also Opfer im Sinne des englischen ‚victim‘, nicht Helden. Die naturwissenschaftliche Ausbildung war allerdings in der Sowjetunion weit besser als bei uns. Ich habe 1981 Abitur gemacht, und nur deshalb genauere Kenntnisse über Atomkraftwerke, weil ich Leistungskurs Chemie belegt hatte. Nicht nur Haupt- und Realschüler, auch die meisten Gymnasiasten erfuhren schlicht nichts darüber. In der DDR war dieses Thema Stoff der zehnten Klasse….

Die Geschichte ihres Einsatzes liest sich völlig anders, wenn an die Stelle des unwillentlichen Opfers das willentliche tritt, so, wie das obige Video es erzählt. Nicht nur, weil sich dann tatsächlich die Frage stellt, ob man diesen Menschen nicht zu Dank verpflichtet wäre, auch hier, sondern auch, weil eine andere Frage aufgeworfen wird – ob sich denn in unserer Gesellschaft in ausreichender Zahl Menschen fänden, die bereit wären, dieses Opfer zu bringen.

Fukushima hat diese Frage beantwortet. Sie finden sich nicht.

Es fand sich nicht einmal genug Mut in der damaligen japanischen Regierung, den Konzern Tepco sofort zu enteignen, um damit gegen eine nationale Katastrophe tatsächlich als Nation angehen und beispielsweise jene Piloten einzusetzen, die sich zumindest theoretisch dazu verpflichtet haben, zu einem solchen Opfer bereit zu sein, die Hubschrauberpiloten der Luftwaffe. Nein, die Regierung wollte möglichst wenig mit der ganzen Sache zu tun haben, und für einen Konzern wird kaum jemand bereit sein, sein Leben zu opfern; diese Vorstellung ist absurd. Die Konsequenz ist, dass bis heute und auf unabsehbare Zeit in der Zukunft diese drei nach wie vor reaktiven geschmolzenen Kerne (die weiter ablaufende Kettenreaktion sorgt dafür, dass die Kerne heiß und flüssig bleiben) radioaktives Material in den Pazifik absondern. Welche Konsequenzen das für die gesamte Menschheit haben wird, lässt sich heute noch nicht abschätzen…

Ja, das Risiko dieser spezifischen Form von Katastrophe ist menschengemacht. Aber jede menschliche Gesellschaft unterliegt einem Risiko von Katastrophen verschiedenster Art, und ob sie im Stande ist, ihnen zu begegnen, entscheidet über ihr physisches Überleben. An diesem Punkt besaß die Sowjetunion eine Stärke, die unsere Gesellschaft nicht aufweist.

„There is no such thing as society.“
Maggie Thatcher

Die menschliche Gesellschaft entwickelt sich hin zu immer höheren Stufen der Kooperation, in immer größeren Räumen und Zusammenhängen. Die marxistische Geschichtsschreibung nennt das die Entwicklung der Produktivkräfte. Heute hat die Kooperation ein unvorstellbares Ausmaß erreicht (wie z.B. in dem Dokumentarfilm ‚Weltfabrik‘ gezeigt wird), und steht kurz davor, mit dem, was ‚Industrie 4.0‘ genannt wird, den nächsten großen Schritt zu tun. Aber diese Kooperation findet unbewusst statt, die beteiligten Produzenten wissen nicht, wie weit sie gespannt ist und mit wem sie zusammenarbeiten, sie tun es unfreiwillig. Das Alltagsbewusstsein, in dem die Konkurrenz jedes gegen jeden betont wird, entwickelt sich in die genau entgegengesetzte Richtung. Oder wird in die entgegengesetzte Richtung entwickelt.

Da Kooperation so zentral für das Überleben unserer Art war und ist, hat sich das psychische System des Menschen entsprechend entwickelt. Gemeinsames Tun ist lustvoller als einsames, Anerkennung wird positiver erlebt als materielle Belohnung, und als sinnvoll erlebtes Handeln ist befriedigender als unsinniges. Der Krieg jedes gegen jeden ist eine beständige Verletzung dieser Struktur. Selbst zur Heranbildung eines Gefühls von ‚ich‘ brauchen wir das Gegenüber, die Gruppe; angeboten wird ‚Deutschland sucht das Supermodel‘ und der für die meisten unerfüllbare Traum vom unbegrenzten Konsum. Was zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft das Streben nach Glück (pursuit of happiness, eigentlich Glück im Sinne von anhaltender Zufriedenheit) war, ist jetzt das Streben nach Besitz, das wahre Ideal der momentanen Gesellschaft. Weil die Befriedigung der wahren Bedürfnisse nicht möglich oder nicht opportun ist (hätten z.B. alle bezahlbare Wohnungen, wären sie weniger fügsam), die Produktionsmaschinerie aber Absatz braucht, müssen zahllose falsche Bedürfnisse erfunden und eingeimpft werden, Bedürfnisse nach bestimmten Marken und Objekten. Das Individuum, das sich vermeintlich unter diesen Bedingungen voll entfalten können soll, bleibt leer und desorientiert zurück.

Seinen Anteil an der realen Kooperation soll es nicht wahrnehmen. Im Bereich des Wissens werden, je leichter technisch Kooperation und Teilen werden, künstliche neue Hürden errichtet, um es der Kontrolle von Konzernen zu unterwerfen. Was in Wirklichkeit nur ein Stein in einem Gebäude ist, an dem Dutzende Generationen gearbeitet haben, wird so zum Privatbesitz Einzelner. Um solche Besitzansprüche stellen zu können, ist es erforderlich, Kooperation, also den kollektiven Charakter menschlicher Arbeit, hinter einer Nebelwand verschwinden zu lassen.

„So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht,“ meinte Maggie Thatcher, die Prophetin des Neoliberalismus. Für ihre damalige Gegenwart hatte sie Unrecht. Aber für unsere Gegenwart ist die Gefahr real – Menschen, denen die Kooperation aberzogen wird, sind irgendwann nicht mehr fähig, zu kooperieren; dann verschwindet Gesellschaft tatsächlich. Dumm nur, dass unsere Art mit der Mentalität der Primaten nicht überleben kann.

Ich bilde mir das nur ein? Nein, unsere heutige Gesellschaft belohnt psychopathisches Verhalten, es ist karriereförderlich und die Voraussetzung für den Zugang zu den obersten Etagen. Eine neuere Studie hat belegt, dass schon die Studienwahl so erfolgt, dass die Psychopathen da landen, wo die Macht liegt, an der Spitze der Konzerne, und die ‚Normalen‘ ihr Dasein in den schlechter bezahlten Stellungen fristen. Wenn Geld und Besitz das ultimative Maß des Erfolgs sind, ist es die antisoziale Persönlichkeit, die zum Ideal wird.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks: Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Karl Marx

Diese Entmenschlichung der heutigen Gesellschaft ist der Grund, warum die Säkularisierung, die sich hier vollzieht, mir zutiefst zuwider ist. Es ist nicht das in den Himmel gehobene menschliche Ideal, das auf Erden verwirklicht und dessen Projektion dadurch überflüssig wird. Es ist eine Gesellschaft des Anti-Ideals, die selbst die in den Himmel gehobene Projektion noch zerstören muss. Es gibt keine Idee einer besseren Zukunft mehr, und das Ziel menschlicher Entwicklung ist der psychopathische Egomane; ein Bild, das von der menschlichen Natur so weit entfernt ist, dass noch die Erinnerung an sie ausgelöscht werden muss. Was an ihre Stelle tritt, jenes Gebräu aus Kapitalvergottung und Wertegeschwalle, ist derart substanzlos, das die letzte Predigt des letzten Hinterwäldlerpfaffen wie eine intellektuelle Offenbarung wirkt. Ein Surrogat eines Surrogats, die Umkehrung der zweiten Ableitung der geistlosen Verhältnisse, Ideologiesimulation auf der geistigen Höhe eines Werbeclips, hinter der sich ungehemmte Knechtschaft und zügelloser imperialistischer Machtwahn verbergen. Manchmal frage ich mich, wie Marx reagieren würde, sähe er den Zustand, in dem sich die kapitalistische Gesellschaft inzwischen befindet. Angewidert? Entsetzt? Er würde vermutlich sagen, dieser Grad der Fäulnis ist das Ergebnis, wenn der Übergang von einer Gesellschaftsformation in die nächste zu lange hinausgezögert wird, und er hat Recht damit.

Den Gläubigen des Mammon ist die Religion lästig geworden; wenn sie sich nicht angemessen mitentleert, jeden sozialen Anspruch, jedes menschliche Ideal preisgibt, wie im Takfirismus oder den amerikanischen Fernsehkirchen, hindert sie nur bei der Formung des idealen Arbeitssklaven/Konsumenten. Für jede wirkliche Veränderung braucht es aber ein Gegenbild zum Bestehenden, die Vorstellung einer anderen Welt, eines anderen Lebens, all dessen, was unter ‚es gibt keine Alternative‘ bei Seite geschoben wird. Plötzlich stehen mir die Anhänger des Christentums näher als die Anhänger des Kapitals; weil bei letzteren schon die Vorstellung der Menschlichkeit Anathema ist, ein Abfall vom wahren Glauben. Gleichzeitig benötigt Widerstand die Idee des Opfers, um Kraft gewinnen zu können; all die hippen Internet-Proteste, die nicht mit der Vorstellung des konsumierenden Individualismus kollidieren, die kein Opfer verlangen, sind Luftnummern, Entertainment, blutleere Spiele, die Widerspruch auffangen und ihm zugleich die Zähne ziehen. Wirkliche Veränderung braucht die Haltung Ostrowskis. Ausdauer, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, selbst das höchste Opfer zu bringen.

Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. (…) Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist, Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch einen Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln.
Karl Marx

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